Rituale

Es gibt Dinge, an die erinnern sich Kinder ein Leben lang. Unsere gemeinsamer Urlaub nach Sardinien schon seit 14 Jahren. Samstagmorgen das Familienfrühstück mit Brötchen und weich gekochten Eiern. Und sicherlich auch Heiligabend. Bei uns ist Tradition, dass der Christbaum morgens heimlich geschmückt wird. Ab dann darf keiner mehr ins Wohnzimmer. Man merkt wie die allgemeine Spannung steigt. Die letzten Geschenke werden verpackt, jeder braucht mal eben das Tesa und noch etwa Geschenkpapier. Die Geschenke lege ich unter den Baum und darüber wird eine 5 m lange Weihnachtsdecke gebreitet, so dass nichts von den Geschenken zu sehen ist.

Um 16.00 Uhr gehen wir alle piekfein zum Gottesdienst. Es ist uns wichtig, doch auch die wirkliche Bedeutung von Weihnachten aufrecht zu erhalten. Wir feiern Jesus Geburtstag und dennoch wird während der Andacht deutlich, dass es nicht mehr um das kleine Baby in der Krippe geht, sondorn um Gottes Sohn, der auf die Erde kam, um die Menschen von Sünde zu erlösen. Aber anstatt “Happy Birthday” singen wir als letztes Lied doch dann auch “Stille Nacht, heilige Nacht”.

Zu Hause angekommen werden die letzten Kleinigkeiten erledigt. Die Kerzen angezündet, die Lichterkette am Baum angemacht. Und dann stehen alle erwartungsvoll vor der Wohnzimmertür. Ich freue mich, dass sogar Manuel bemerkt, dass wir dieses Jahr neue Kugeln und einen neuen Stern am Baum haben. Mir war danach. Alles sieht sehr gemütlich aus.

Und dann jedes Jahr das gleiche Ritual. Es wird gewürfelt wer beginnen darf. Manuel fängt an, holt blind ein Geschenk hervor, liest vor von wem für wen und überreicht es. Und wir alle warten bis der Beschenkte ausgepackt hat, sich bei dem Schenkenden bedankt,  dann darf er ein Geschenk rausziehen. Bis alle Geschenke so verteilt sind vergehen fast zwei Stunden. Jeder schenkt jedem etwas, das machen bei uns schon mindestens 36 Geschenke. Dazu kommen die Geschenke von zwei Omas, dem Opa und dem Onkel.

Am Schluss saß eine glückliche Familie am Tisch zum gemeinsamen Käsefondue. Ich musste etwas grinsen als Jonathan neben mir mal bemerkte: “Mama, das ist keine Sattmacherportion”. Danke mein Sohn…….

Aber mir war auch klar, dass es ein paar Tränen geben musste. Joana war nun gestern auf den Tag so alt, wie Julian am Tag seines Todes. Immer wieder musste ich sie in den Arm nehmen, immer wieder war da das Gefühl für seine Größe, seine Mimik, seine Gesten. Die Erinnerung stand mir während des ganzen Tages vor Augen. Und als Manuel uns dann sein zweites Geschenk überreichte war es dann auch vorbei mit meiner Fassung. Ein selbst komponiertes Lied am Klavier, als Dankeschön für die letzen 18 Jahre Erziehung. Und wenn ich nicht selbst mit meinen eigenen Tränen und Emotionen so beschäftigt gewesen wäre, hätte ich sicherlich auch eine Träne in den Augen meines Mannes entdecken können. Und selbst der Opa war ergriffen.

hm

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